Gestern Abend war es also soweit, das große Ereignis, dass TNA und die Wrestling-Welt in ihren Grundfesten erschüttern sollte. Seit Monaten sprach das Monster
Abyss von "Ihnen", die kommen sollten und nannte immer wieder den 10. Oktober 2010, das Datum, an dem Bound For Glory stattfand. Und für jemanden, der TNA nicht regelmäßig verfolgt, wirkte die so große Ankündigung letztlich wie heiße Luft.
"Sie kommen" - Nein, sie sind schon daDas fängt bereits damit an, dass immer wieder davon gesprochen wurde, dass "sie" "kommen" würden, was eigentlich darauf schließen ließ, das zumindest noch eine Schlüsselfigur von außen dazu stoßen würde. Gestern Abend, als ich den Event gesehen habe, schoss mir für einen ganz kurzen Moment der Name
Shane McMahon in den Kopf. DAS wäre ein wirklicher Schocker gewesen.
Doch stattdessen sind es alles Leute, die bereits bei TNA unter Vertrag stehen. Und keinen davon halte ich für so stark oder so kreativ (jedenfalls nicht mehr), dass sie den großen Wandel bringen.
Jeff Jarrett hat innerhalb der Company, wie man so hört, nicht mehr viel zu sagen. Über
Hulk Hogan und
Eric Bischoff ist in der Vergangenheit auch schon genug diskutiert und geschrieben worden. Und wieder einmal scheint sich die Kritik, die gegen beide oft vorgebracht wurde - nämlich zu versuchen, alte Ideen neu aufzuwärmen und damit TNA interessant zu machen - zu bestätigen.
Ein Monster und ein "Psycho" komplettieren das BildDann haben wir noch den oben bereits angesprochenen Abyss. Die Zeit, in der ich iMPACT regelmäßig verfolgt habe, liegt zwar schon eine ganze Weile zurück, aber für mich war Abyss immer so ein bisschen das TNA-Pendant zu
Kane vor dessen World Title Run: Ein loyaler Worker, der die Rolle des Monsters mal als Heel, mal als Face ausfüllt, ohne dabei aber großartig aufzufallen oder gar für Höheres berufen zu sein scheint. Und irgendwie hat sich dieser Eindruck auch durch Bound For Glory nicht verändert.
Widmen wir uns also dem Mann, der das Aushängeschild dieser Gruppierung darstellen soll:
Jeff Hardy. Vor gut zwei Jahren habe ich, damals nur im Cageboard, einen Text verfasst, indem ich deutlich machte, dass ich mir Jeff durchaus als WWE Champion vorstellen konnte, ungeachtet seiner damaligen Affären und Skandale. Ich mochte seine neu gewonnene Arbeitsmoral und seine generelle Einstellung. Als er es dann 3 Monate später tatsächlich schaffte, den Titel bei Armageddon zu gewinnen, war ich recht zufrieden. Als Face-Champion, der die Massen mitzieht, ist Jeff Hardy durchaus zu gebrauchen.
Und genau hier liegt die Crux in diesem Falle: Jeff Hardy wurde zum Heel gemacht, eine Rolle, die ihm überhaupt nicht liegt und die er definitiv auch nicht wird hinein wachsen können. Dazu fehlt ihm etwas ganz Essentielles, nämlich schauspielerisches Talent. Er wirkte am Schluss von Bound For Glory wie ein trauriger Clown, seine Mimik entsprach in keiner Weise der eines Mannes, der gerade seine besten Freunde betrogen hat. Vielleicht war das die Hardy’sche Version eines versteinerten Gesichtsausdrucks, ich für meinen Teil empfand es als sehr gekünstelt.
Etwas GrundsätzlichesIch möchte noch kurz etwas ausholen, um etwas anzusprechen, was mir bei diversen Ausflügen in Richtung TNA aufgefallen ist und was vermutlich auch mit dafür gesorgt hat, dass ich gestern vor dem Bildschirm saß und mir dachte, dass das doch wohl nicht alles gewesen sein kann.
Die Liga hat es irgendwie versäumt, dem Gelegenheitszuschauer die Möglichkeit zu geben, sich in die Geschehnisse der vergangenen Wochen und Monate hinein zu finden. Es gab vor dem Main Event ein technisch zwar sehr schickes, aber irgendwie leider absolut nichts sagendes Musikvideo, indem lediglich die drei Teilnehmer am Main Event noch einmal ein bisschen beleuchtet wurden - so zumindest mein Eindruck. Was hier fehlte, sind die von der WWE bekannten Recaps, diese Videos, welche die Fehden oft noch einmal gut zusammenfassen. Da gehören dann auch Ausschnitte aus Promos dazu, damit man überhaupt mal weiß, was die Herrschaften sich denn so an den Kopf geworfen haben.
Der Gelegenheitszuschauer wusste nicht, dass zwischen Hardy,
Mr. Anderson und
Rob Van Dam eine zumindest lockere Freundschaft bestand. Und wurde eigentlich erklärt, warum der World Heavyweight Title vakant war? Ich meine hier ein Verhalten seitens TNA zu erkennen, für das mir kein anderes Wort als arrogant einfällt. Frei nach dem Motto: "Wer für unseren Pay-Per-View zahlt, wird eh wissen, was los ist, da können wir uns die Zeit für Videos sparen."
Und noch etwas, was sich durch den ganzen Abend gezogen hat wie ein roter Faden: Eine klare Heel-/Face-Verteilung scheint es in Orlando auch nicht zu geben. Im Prinzip wird von den Fans alles abgefeiert, was im Ring passiert, der Spitzbub und Haderlump genau so wie der strahlende Held. Das macht es für neue Fans irgendwie schwer, eine Bindung zu dem Geschehen und einzelnen Protagonisten aufzubauen, denn irgendwie weiß man nicht so recht, was man nun gut finden und was ablehnen soll. Etwas markig gedacht, das mag sein, aber letztlich ist doch eines der Grundprinzipien des Wrestling der Kampf Gut gegen Böse. Verschwimmen diese Grenzen, kommt man in eine neblige Grauzone, in der kaum etwas zu erkennen ist.
Was bleibt?Die Frage, die nun also im Raum steht, ist Folgende: War dies der große Wendepunkt in der Geschichte von TNA? Wird man nun wieder konkurrenzfähig zur großen WWE? Ich denke nicht. Diese neue Gruppierung um Hogan, Jarrett und Bischoff - die im Übrigen Jeff Hardy schon jetzt irgendwie in den Schatten stellen - sorgt vielleicht für ein kleines Hurra, doch ich bezweifele, dass die Promotion es nun schafft, Woche für Woche interessante, spannende Storylines zu kreieren, die man auch weiterverfolgen WILL und nicht nur MUSS, um überhaupt zu wissen, was Sache ist.
Wie bereits gesagt - keinen der Beteiligten halte ich für den absoluten Heilsbringer, der TNA rettet, und auch die Gruppe an sich ist dafür in meinen Augen nicht geeignet. Ich habe der Liga noch einmal eine Chance zugestehen wollen, weil ich hier auf CAGEMATCH die Geschichte um "sie" doch einigermaßen verfolgt habe. Doch letztlich ist das eingetreten, auf was der Untertitel dieser Kolumne hindeutet - "sie" kamen, sahen und gewannen nicht. Jedenfalls nicht mich als bleibenden Zuschauer oder gar Fan von TNA Wrestling.